Absolut entscheidend für die Bildwirkung ist meiner Meinung nach nicht nur das Motiv, sondern vor allem die Gestaltung des Hintergrundes.

Dafür wird in der Regel der Begriff „Bokeh“ verwendet. Dieses Wort kommt ursprünglich aus dem Japanischen, und bedeutet soviel wie „Unschärfe“. Damit gemeint ist also nicht nur ein Hintergrund mit diesen seifenblasenartigen Lichtkreisen, sondern ganz grundsätzlich ein schöner, ruhiger Hintergrund.

Ein angenehmes, ansprechendes Bokeh sollte das Motiv betonen, und nicht davon ablenken. Wenn das Ganze zu unruhig wird, wird der Blick des Betrachters nicht auf das Motiv gelenkt. Um diese Qualität der Unschärfe im Hintergrund zu erzielen, gibt es einige Tipps und Tricks.

Gelbe Blume mit schlechtem Bokeh

Ein Negativ-Beispiel: Bei diesem Foto lenken die Lichtkreise vom Motiv ab, und machen das Ganze viel zu unruhig

Bevor wir ins Detail gehen, hier noch ein wichtiger Fachausdruck kurz erklärt:

Was ist die sogenannte Naheinstellgrenze?

Jedes Objektiv hat eine sogenannte Naheinstellgrenze, die von der Art und der Optik der Linse abhängt. Gemeint damit ist der Mindest-Abstand vom Motiv (also, wohin Du fokusierst), und den Du einhalten musst, damit die Kamera noch scharf stellen kann.

Wie findest du die Naheinstellgrenze Deines Objektivs nun heraus?

Google kann Dir da in der Regel helfen… Wenn nicht, dann musst Du es ausprobieren, also immer näher ran ans Motiv, bis die Kamera nicht mehr scharf stellen kann, und dann ein Stückchen zurück.

Bei Zoom-Objektiven ist die Naheinstellgrenze in der Regel bezogen auf die Anfangs-Brennweite. Das bedeutet, Du kannst entsprechend der Naheinstellgrenze ran ans Motiv, und dann immer noch zoomen. Allerdings – keine Regel ohne Ausnahme! Bei der Menge an Objektiven auf dem Markt kann ich nur von unseren persönlichen Erfahrungen ausgehen. Also raus ins Gelände, und Ausprobieren!

Aufbau Kamera für Beispielfotos Bokeh

Unser Kamera-Aufbau – mit einem Standard-Objektiv, kein Makro

Farn

Hier das Ergebnis

Hier nun unsere Vorgehensweise, um ein tolles Bokeh zu bekommen:

  1. Das Art und das Aussehen des Bokeh ist abhängig von der Optik des verwendeten Objektivs. Einen ansprechender Hintergrund zu erstellen, ist aber mit jedem Objektiv möglich.
  2. Näher ran an das Motiv – so nah, wie es die Naheinstellgrenze Deines Objektivs zulässt.
  3. Der Hintergrund sollte möglichst weit weg sein vom Motiv – mindestens die zweifache Naheinstellgrenze.
  4. Verwende eine möglichst weit geöffnete Blende. Lichtkreise haben die Form der Blende. Bei manchen Objektiven verändert sich die Form der Blende beim Schließen. Dann werden die Lichtkreise unter Umständen die Form beispielsweise eines Stopp-Schildes (also 8 Ecken) haben. Außerdem werden die Lichtkreise umso kleiner, je mehr Du abblendest. Und dann wird der Hintergrund deutlich unruhiger.
  5. Die Wahl des Hintergrunds spielt eine wichtige Rolle: Zum einen sollte man natürlich auf Störfaktoren wie beispielsweise zu grelle Lichter achten. Für Lichtkreise brauchen wir selbstverständlich Lichter im Hintergrund. Gut eignen sich dafür Gebüsch oder Bäume, wenn das Licht durch die Blätter scheint. Auch die Lichter von Fenstern oder Straßenbeleuchtungen können einen schönen Effekt ergeben.
  6. Vielleicht ist es unnötig, das zu erwähnen: auch die Perspektive hat einen erheblichen Einfluss auf das Aussehen des Hintergrundes. Wenn Du beispielsweise eine Blume von oben herab fotografierst, dann wird der Boden zum Hintergrund… und logischerweise gibt es dann keinen schönen Hintergrund, von Lichtkreisen ganz zu schweigen.
  7. Also raus aus der Komfortzone, und fotografiere Dein Motiv auf Augenhöhe mit einem freien Hintergrund, auch wenn Du dazu in den Dreck liegen musst!
Küchenschelle von oben

Eines meiner ersten Küchenschellen-Fotos. Dazu muss man nicht viel erklären.

Küchenschelle

Küchenschellen-Foto wie es sein muss: ein schöner Hintergrund, der die Schönheit der Pflanze betont.

7.  Nimm Dir Zeit, probier aus, spiele mit Deinem Motiv und seiner Umgebung! Suche den besten Standpunkt, und – ganz simpel – schau einfach mal aufmerksam durch den Sucher!

Frauenschuh

Interessantes Bokeh mit dem 50mm-Objektiv fotografiert!

Hier noch ein kleiner Exkurs zum Thema Schärfe bzw. Tiefenschärfe / Schärfentiefe allgemein:

  • Wieviel Schärfe braucht die Ästhetik?
  • Wovon ist die Schärfe bzw. die Tiefenschärfe überhaupt abhängig?
  • Wieviel Schärfe kann mein Auge überhaupt wahrnehmen?

Die erste Frage ist wohl eher philosophischer Natur. Denn, was in diesem Bereich gefällt oder eben nicht, ist einfach Geschmackssache. Bei einer diesbezüglichen Diskussion kamen wir im Freundeskreis auf einen einfachen Nenner bei der Frage:

Ist das Kunst, oder kann das weg?

Bewusst gestaltete Unschärfe mit dem Ziel, eine bestimmte Bildwirkung zu erreichen, ist eine Sache – verwackelte Bilder etwas vollkommen anderes.

Wovon ist die Schärfe eines Motivs nun abhängig?

Zum einen sind da natürlich technische Aspekte:

  • Je weiter das Motiv entfernt ist, bzw. je größer die Brennweite, um so schwieriger ist es, ein scharfes Bild zu bekommen.
  • Je dunkler die Umgebung, desto länger die Verschlusszeit. Beim Fotografieren aus der Hand verwackeln die Bilder dann logischerweise. Die Verwendung eines höheren ISO kann das Problem zum Teil lösen, allerdings können feine Details verloren gehen.

Das Gerücht, ein Bild wird durch Abblenden schärfer, hält sich hartnäckig. Gewisse Abbildungsfehler (die man übrigens mit dem menschlichen Auge kaum wahrnehmen kann) werden dadurch vermieden. Allerdings entstehen neue Probleme eben durch das Abblenden, z.B. eine längere Verschlusszeit, und damit verbunden eine erhöhte Verwacklungsgefahr.

Tatsächlich wirkt das Motiv schärfer, wenn es sich deutlicher vom Hintergrund abhebt, und das ist mit offener Blende eher der Fall.

Nochmal:

am wichtigsten bei der ganzen Geschichte ist der Abstand der Kamera zum Motiv, und der des Motivs zum Hintergrund, sowie die Beschaffenheit des Hintergrundes!

Also:

Nimm Dir Zeit, schau Dich genau um, und wähle bewusst Dein Motiv bzw. platziere es bewusst an einer geeigneten Stelle!

Und nun viel Spaß und Erfolg beim Umsetzen unserer Tipps!

Maikäfer

HIer noch ein Beispiel für ein Handy-Foto mit schönem Hintergrund !

Lust auf noch mehr Fotos mit Bokeh-Effekt? Dann schau Dir unsere Galerie an!

Unsere Fotoshow

„Von Rattenscharf bis künstlerisch unscharf“

passt auch genau zum Thema 🙂